Kriminetz-Rezension von „Holbeinsteg“

Der Holbeinsteg ist ein eiserner Steg über den Main in Frankfurt, nur für Fußgänger. Eisern sind die Umstände, die junge Frauen aus Rumänien ins vermeintlich bessere Leben nach Deutschland treiben. Die, die sich nichts darüber vormachen, was sie erwartet, hoffen, sie halten es irgendwie aus. Aber sie zerbrechen genauso daran wie die anderen, die Illusionen hatten über ihr Leben hier. Denn es ist eben nicht auszuhalten, das Leben, in dem viele Frauen aus Osteuropa in Deutschland landen. Das Sehnsuchtsland entpuppt sich als kalt. Gestörte Typen scheinen mit ihrem Verlangen nach „frischer Ware“ ihr rastloses Funktionierenmüssen in einer sich immer schneller drehenden globalen Welt zu kompensieren.

Ralf Schwobs Hauptfiguren in seinem Frankfurt-Krimi „Holbeinsteg“, erschienen im Societäts Verlag, sind einfache Menschen. Der Ex-Lehrer, dessen Berufsweg abrupt endete und der seitdem in Selbstmitleid und in einer unordentlichen Wohnung versinkt. Der Typ, der seine Frau an noch schrägere Typen stundenweise verkauft. Die Frau, die ihre Schwester sucht. Jungunternehmer Philipp, der anderen in die Quere kommt. Ein Ex-Söldner wird von seinen Erinnerungen gequält. Sogar Hund Rosi hat eine Störung und fühlt sich auf merkwürdige Weise hingezogen zu gebrochenen Gestalten. Es ist jedoch kein voyeuristischer Blick, den der Schriftsteller auf seine Figuren wirft, während er Realitäten aufzeigt.

Da ist dann noch Larissa, eine Frau aus betuchten Verhältnissen, die sich in den Kopf gesetzt hat, ihren Weg ohne das ebnende elterliche Geld zu schaffen. Aber die Promotionsstelle bekommt jemand anderes und plötzlich steht sie da, mit ihrem geisteswissenschaftlichen Abschluss ebenfalls hart aufgeschlagen in der Realität. Ihr Job bei einer Arbeitsvermittlung erscheint ihr als Anker. Aber da stößt sie auf das Verschwinden einer jungen Frau aus Rumänien und beginnt, sie auf eigene Faust zu suchen.

Ralf Schwob hat sprachgewandt einen spannenden Gesellschafts-Krimi geschrieben, der gänzlich ohne Effekthascherei auskommt. Er porträtiert Menschen, die kaputt in einem System leben, in dem man nur noch mit Geldinvestitionen etwas verdienen kann und in dem es immer schwieriger wird, von seiner Hände Arbeit zu leben. Larissas reiche Eltern im Roman, Profiteure des Systems, erklären diese Ungleichverteilung quasi als naturgegeben.

Am Ende treffen beinahe alle in einem alten Haus aufeinander. Ralf Schwob führt die verschiedenen Handlungsstränge gekonnt zusammen. Nicht alle seiner glaubwürdig gezeichneten Charaktere verlassen dieses Haus lebend. Die anderen finden einen Weg, den sie am Anfang nicht sahen. Manchmal sind Umwege heilsam. Unaufgeregt und sehr gekonnt erzählt Ralf Schwob einen spannenden Krimi, der neugierig macht auf seinen nächsten.