Dr. Sebastian Blank, Ende vierzig und erfolgreicher Finanzmakler in Frankfurt, hat einen Hirntumor, lehnt jede Therapie ab und hat somit nicht mehr lange zu leben. Vorher möchte er sein Gewissen bereinigen und lädt seine beiden Schulfreunde von der Groß-Gerauer Gesamtschule, Klaus und Olli zu einem Gespräch in den Maintower ein. Es geht um ein Ereignis im Jahr 1982, als die drei Freunde öfter bei Meusel, einem Obdachlosen, der sich in einer Hütte im Groß-Gerauer Gleisdreieck eingerichtet hatte, verkehrten. Und irgendwas ist damals „aus dem Ruder gelaufen“. Und es ist fraglich, ob nach über 30 Jahren Verschweigens und Verdrängens eine (Er-)Lösung möglich ist. Allzu unterschiedlich erscheinen Herkunft und Lebensläufe der ehemaligen Schulfreunde. Sebastian aus begütertem Elternhaus wird erfolgreicher Geschäftsmann; Olli aus einer (geschiedenen) Mittelschichtsfamilie wird Bassist in einer Band; Klaus aus einem Trinkerhaushalt wird straffällig und steht unter Bewährung.

Hier zeigt sich die erste Stärke des Buches. Ralf Schwob gelingt es, die Milieus und die Atmosphäre in den Groß-Gerauer Familien sehr lebendig und lebensecht in Szene zu setzen. Ebenso die Lebenswelt und Alltagskultur von Jugendlichen in einer Kleinstadt in den 1980er Jahren. Von den Trinksprüchen über die ersten Annäherungen von Jungen und Mädchen zu vorherrschenden Musikrichtungen und die Disco-Kultur – der Autor kennt sich gut aus. Deutlich zu lesen bei der Tanzflächenszene auf der Siedlerdisco: „An den Seiten lehnten ein paar Jungs mit Bierflaschen in der Hand, ein Bein angewinkelt, die Schuhsohle gegen die Wand gestemmt und Zigarette im Mundwinkel.“ Die detailreichen Beschreibungen von Groß-Gerau – Sandböhl, Gleisdreieck, Schulhöfe, Siedlerheim, Fasanerie, Auf Esch und vieles mehr sind natürlich die zweite Stärke des Buches. Man könnte direkt Stadtführungen „auf den Spuren von Ralf Schwob“ veranstalten. Letztlich noch zum Thema „Krimi“. Ich habe es nur deshalb in diese Kategorie einsortiert, weil es so auf dem Cover steht. Irgendwie aufzuklären gibt es ja nix – das Geschehen ist vom Titel und dem Klappentext her eh klar. Krimispannung kam bei mir nicht auf, aber das Buch hat die anderen beschriebenen Qualitäten – und die sorgen für das Prädikat „lesenswert“.

Heinrich Krobbach, www.rheinmainkrimi.de

In den nächsten Wochen erscheinen die Anthologien “Frankfurter Einladung 2” im Größenwahn Verlag und “Ein Viertelstündchen Frankfurt 3” im Charles Verlag. Ich durfte für beide Bücher Kurzgeschichten beitragen. Für die “Einladung” eine bittere Vater-Sohn-Geschichte, die zugleich eine Hommage an das alte Frankfurter Waldstadion ist, und fürs “Viertelstündchen” eine verschrobene Liebesgeschichte, die im Frankfurter Siegestaumel nach dem gewonnen DFB-Pokal 2018 spielt.

Am Mittwoch, dem 15. Mai 2019, lasen Sonja Rudorf, Pete Smith und Ralf Schwob im legendären Frankfurter Buch-Café Ypsilon. Für den musikalischen Kontrapunkt zur Literatur sorgten Gudrun Lang-Eurisch und Matthias Schubert.